Hinter den Vorhang und zurück III

2. 11. 2021 / Uwe Ladwig

čas čtení 12 minut


Der erste Teil dieses Textes ist HIER
Der zweite Teil dieses Textes ist HIER

Episode XXIII

Juni 1973 und danach

Da bin ich wieder

Im Juni 1973 fuhr ich mit einem tschechischen Besuchervisum nach Prag. Ich war - wie in den Folgejahren dann immer wieder - auch aus Kostengründen nicht über Nürnberg, sondern über Berlin und Dresden in die ČSSR eingereist, um in den nächsten Tagen mit einem befreundeten Paar aus Prag Urlaub in der Slowakei zu machen.


 

Als ich mich bei der Passbehörde in der Bartolomějská anmeldete, schien man fast auf mich gewartet zu haben. Der Sachbearbeiter meinte, man wolle mich sprechen und versuchte telefonisch jemanden zu erreichen, der seinen Hörer jedoch nicht abnahm.

Um die Sache nicht zu komplizieren, sagte ich, ich könne mich ja in den nächsten Tagen noch einmal melden, bat jedoch um die notwendige Bestätigung meiner Anmeldung. Diese Vorgehensweise wurde in den nächsten Jahren zu einem Ritual. Ich versprach jeweils, wieder vorbeizuschauen, tat es dann aber nie.

Ein einziges Mal kam es bei der Anmeldung zu einem kurzen Gespräch, indem einer der anwesenden Herren mich nach meiner politischen Einstellung befragte. Ich schwärmte kurz von Willy Brandt, dem Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, einem Widerstandskämpfer gegen die Nazis, und erwähnte dabei seinen politisch äußerst wichtigen Kniefall am 7. Dezember 1970 am Ehrenmal der Helden des Ghettos in Warschau. Und schau da, jede weitere Fortsetzung des Gesprächs schien sich damit erübrigt zu haben.

Episode XXIV

In der Zeit meines Studiums von 1973 bis 1978 reiste ich 14mal über Berlin nach Prag und zurück. Grenzkontrollen wurden für mich somit fast zur Gewohnheit, wenn eben nicht viele doch irgendwie besonders waren...

Ich war wieder einmal unterwegs. In Berlin kamen drei junge Frauen ins Abteil, musterten mich, meinten an meiner Kleidung zu erkennen, dass ich aus dem Westen stammte und legten sofort los. Sie waren sich uneinig, ob sie die in Ost-Berlin gekauften Kleidungsstücke anziehen sollten oder nicht, wussten nicht, was bezüglich der Zollkontrolle sinnvoller wäre. Hauptsächlich ging es um wirklich modische Gummistiefel, über die sie sich besonders freuten, für die sie aber anscheinend keinen Zoll bezahlen wollten.

Nach einiger Zeit meinte ich, die Damen beruhigen zu sollen und sagte, dass alle Aufregung unnütz sei, denn sie würde man an der Grenze kaum anschauen, weil ich wieder an der Reihe wäre, kontrolliert zu werden.

Die Frauen waren perplex. Sie konnten sich nicht vorstellen, wieso ich Tschechisch sprach. Ich erklärte es, das Erstaune legte sich, die Überlegungen begannen wieder. Wohin mit den Schuhen, in den Koffer oder ans Bein? Bei einer oder allen?

Nun denn. Wir erreichten die DDR-Grenze und die Grenzkontrolle verlief ohne Probleme, die Zöllner interessierten sich nicht für die Ausfuhrware der Damen und schauten sich nur kurz meinen Pass an. Trotz meiner vorherigen Erklärungen stieg nun die Aufregung. Was würde die tschechischen Zöllner machen?

Die Tür wurde aufgeschoben, die Frauen wurden aus dem Abteil gebeten, ich durfte auspacken. Da ich es vorher wenigstens geahnt hatte, dass es so kommen würde, und auch zukünftig nach Prag fahren wollte, hatte ich nichts dabei, was stören könnte.

Die drei Tschechinnen waren erleichtert, als der Zug sich wieder in Bewegung setzte und wir vier weiter nach Usti nad Labem fuhren.

Episode XXV

Rückfahrt über Berlin nach Hamburg. An der tschechischen Grenze gab ich wie gewohnt meine Einreiseerlaubnis ab, bei den DDR-Grenzern beantragte ich ein Durchreisevisum. Wie immer durfte ich auspacken.

Ich wusste, dass selbst die in der DDR gedruckte Bücher, die ich mir in Prag am Graben gekauft hatte, Verdacht erregen, doch dieses Mal schaute man sich die Bücher nicht nur an, sondern konfiszierte sie erst einmal, einschließlich des dünnen westdeutschen Briefmarkenkatalogs, den ich aus Prag mit zurück nach Hamburg nehmen wollte.

Die Grenzerin verließ mit meinen Büchern den Zug und kam erst nach etwa einer halben Stunde zurück. Somit hatte der Zug schon eine leichte Verspätung. Ich ging davon aus, alle Druckerzeugnisse eher kommentarlos zurückzubekommen, war wirklich auf keinerlei Schrecken vorbereitet. Es gab ja wohl keinen Grund, mir die Einfuhr von DDR-Büchern zur Last zu legen.

Der Grenzerin war das anscheinend nicht wirklich klar. Sie hielt mir vor, die Bücher bei mir zu haben, schien auch nicht richtig überzeugt zu sein, dass ich sie nach Hamburg mitzunehmen gedachte. Dann aber legte sie wirklich los. Der Briefmarkenkatalog, eine Sünde, ein Frevel besonderer Art. "Sie wissen, dass Sie so etwas nicht einführen dürfen!"

Ich versuchte zu versichern, dass ich es nicht gewusst hätte, aber auch gerne auf den Katalog verzichten würde, zumal ich in Hamburg einen zweiten hatte, doch der Vorwurf wurde immer lautstärker vorgetragen. Irgendwas irritierte mich dabei - und das kam dann auch:

"Was für ein Code wird in dem Katalog genutzt?"

Es wurde eng. Zum Glück wurde ich nach der Erfahrung aus ganz anderen kritischen Situationen eher ruhiger und besonnener, spürte Erregung wie zum Beispiel eine vor Aufregung zitternde Hand erst, nachdem ein Problem sich gelöst hatte.

Ich fragte deshalb verwundert, welchen Code man meinte gefunden zu haben, erinnerte mich aber an all die Haken im Katalog, mit denen ich gekennzeichnet hatte, ob ich eine abgestempelte oder ungestempelte Briefmarke mein Eigen nannte.

Es war so, die Grenzerin wollte wissen, welche Mitteilung ich mit mir führe.

Der Schluss war seltsam. Sie gab mir die Bücher und den Katalog zurück und ließ mich im Zug weiter nach Berlin fahren, nicht ohne noch einmal darauf hinzuweisen, dass das mit dem Katalog wirklich nicht erlaubt sei. Und ich wunderte mich lange, wieso sie ihn mir nicht abgenommen hatte, erst einmal ziierten mir aber die Hände...

Episode XXVI

Kalt war es, saukalt, der von Ost-Berlin nach Prag fahrende Zug wurde nicht beheizt. Er hielt noch in Dresden, als ein junger Mann die Tür öffnete und aus seinem Koffer eine Wolldecke entnahm.

Er lächelte und fragte, ob ich mit unter die Decke wolle, was ich gerne annahm, nicht bedenkend, dass die Decke eine ost/westdeutsches Paar wärmen würde.

Die Grenze. Ostdeutsche Passkontrolle. Mein mir immer noch namentlich unbekannter Deckenspender zeigte seinen Ausweis und - oh je - dieser enthielt den Vermerk, dass man ihn einen Tag zuvor mit zu viel tschechischem Geld an der Grenze aufgegriffen und zurückgeschickt hatte. Zu zweit klärten daraufhin die Passkontrolleure im Gespräch mit dem Deckeninhaber, erst einmal ob und dann, dass sein Besuchsvisum für die ČSSR trotz alledem noch gültig sei.

Mit: "Und Sie?", wandte sich der Grenzer an mich. Ich zuckte wohl mit der Schulter, reichte ihm aber doch schnell, wenn auch etwas verzagt unter der Decke hervor meinen westdeutschen Pass.

Das Erstaunen der Grenzer war groß. Die Frage, woher wir beide Reisenden uns kennen würden, stand nicht nur im Raum. Unsere reine Deckenbekanntschaft wollte man uns zuerst nicht abnehmen, sah dann aber wohl ein, dass, wenn es etwas zu verheimlichen gäbe, wir darauf wohl kaum mit der gemeinsam genutzten Decke hinweisen würden.

Wir konnten weiterfahren und ich freute mich über die nette Geste meines Mitreisenden. Es hätte aber alles nicht nur kälter kommen können...

Episode XXVII

Normale Rückreise. Nichts Besonderes im Gepäck, ich in einem sonderbar leeren Abteil. In Usti nad Labem stieg ein Mann ohne viel Gepäck zu. Kaum hatte er das Abteil betreten, schloss er die Vorhänge zum Gang, stelle sich mit dem Rücken in die nur leicht geöffnete Tür und sprach laut mit mir. Ich meinte zu erkennen, dass er aus Jugoslawien stamme und mir war schnell klar, er wollte in einem möglichst leeren Abteil reisen...

An der Grenze kein Problem. In Dresden drängten sich dann doch zwei Ostdeutsche ins Abteil, beide mit irgendwie an eine inoffizielle Uniform erinnernde Lederjacken.

Der Zug fuhr los und mein jugoslawischer Begleiter begann mir in Deutsch etwas von Mao und der chinesischen Führung zu erzählen. Die beiden Ostdeutschen schauten sich äußerst irritiert an und verließen eher fluchtartig das Abteil. Der Jugoslawe wollte die beiden provozieren, von denen er meinte, sie gehörten der Stasi an. Es gelang. Nie war ich so lange mit nur einer Person im Abteil auf dem Weg nach Berlin.

Kurz vor dem Erreichen des Grenzbahnhofs Friedrichstraße verabschiedete sich der Mitreisende. Noch wunderte ich mich, dass er das Einlaufen des Zuges im Bahnhof nicht abgewartete.

An der Grenze sah ich ihn vor mir in recht großem Abstand die Grenzkontrolle passieren. Er hatte einen riesigen Koffer bei sich. Es war wohl ein Grenzgänger der besonderen Art, der während der Fahrt seinen Koffer in einem Nachbarabteil geparkt hatte...


Episode XXVIII

Reise nach Berlin auf dem Weg nach Prag. Die DDR-Grenzer hatte mir Papiere für die Fahrt nach Berlin ausgestellt, ich wollte mit dem Zug zur Friedrichstraße fahren, dann mit der S-Bahn zum Ostbahnhof wechseln, um von dort aus meine Reise fortzusetzen.

Am Übergang Friedrichstraße ging ich zur Grenzkontrolle und zeigte meine Reiseunterlagen und hörte mit Erstaunen die Frage: "Wo ist ihr Sohn?"

Schrecken fährt einen schnell in die Glieder. In diesem Moment war es wieder einmal soweit, denn ich hatte keinen Sohn, ahnte auch nicht die Bedeutung der Frage.

Der Grenzer wies mich darauf hin, dass in meiner Reiseunterlage vermerkt worden sei, dass ich nicht alleine, sondern zusammen mit einem Jungen von Hamburg nach Berlin gereist sei.

Ich erinnerte mich. Bei der Einreise in die DDR stand neben mir das Kind einer Mitfahrerin und schaute aus dem Fenster. Ihn hatte man irrtümlich in meine Papiere eingetragen. Die Frau war mit Kind in West-Berlin ausgestiegen, ich war alleine zum Grenzbahnhof weitergefahren.

Es entstand kein Problem, ich frage mich aber, was wohl gewesen wäre, wenn man die Abwesenheit des Kindes erst bei der Ausreise aus der DDR in die Tschechoslowakei entdeckt hätte. Gute Gefühle hätten sich anders angefühlt...

Episode XIX

Eigentlich war alles klar, eigentlich war alles wunderbar. Ohne jedes Bedenken näherte ich mich im Zug der DDR-Grenze, allein ich wäre gerne noch etwas länger in Prag geblieben. Die tschechischen Grenzer waren nett gewesen, die DDR-Passkontrolle sollte kein Problem darstellen.

Auf Überraschungen ist man aber nicht wirklich eingestellt, sonst wären es ja keine, und so schaute ich auch seelenruhig zu, wie die DDR-Grenzerin in meinem Reisepass blätterte, den ich ihr mit Bitte um Ausstellung eines Durchreisevisums überreicht hatte.

Die junge Frau blätterte irgendwie etwas zu lange, dann fragte sie, wieso ich so viele Stempel der DDR in meinem Pass habe. Ich erzählte von meiner in der Tschechoslowakei lebenden Frau, woraufhin sie fragte, ob ich die Geschichte irgendwie belegen könne. Die entsprechenden Unterlagen waren mein Visum für die Tschechoslowakei, doch das hatte am Grenzübergang vor Erreichen der DDR die tschechoslowakische Passkontrolle wie immer einbehalten.

Mir war schnell klar, dass es nicht leicht wäre, mir zu glauben, denn welche mit einem Westdeutschen verheiratete Tschechin würde nach Vorstellung vieler oder auch der meisten Tschechen, vieler oder der meisten Ost- oder auch Westdeutscher nach Jahren der Ehe noch in Prag leben.

Die Passbeamte entschloss sich, meinen Pass mitzunehmen und verschwand. Bald war klar, dass der Zug, in dem ich mich befand, mit Verspätung weiterfahren würde, nicht klar war mir aber, ob ich mitfahren könnte.

Die Passbeamte kam, lies sich alles noch einmal erklären, hörte sich auch meinen Hinweis an, dass die Tschechoslowakei grundsätzlich keine Visa an der Grenze erteilen würde, die DDR im Normalfall aber Durchreisevisen für Bürger der BRD. Auf meinen wohl etwas verzweifelt klingenden Hinweis hin, dass ich bei Verweigerung wohl auf der Grenzlinie zwischen der ČSSR mit der DDR nach Westen laufen müsste, schmunzelte sie noch nicht einmal.

Dann hatte aber ich den Eindruck, dass sich ihre Vorgesetzten wohl telefonisch in der ČSSR nach mir und meiner Frau erkundigt hätten, denn sie stellte mir das Durchreisevisum aus. Erleichtert blieb ich im Zug sitzen und die Verspätung des Zuges machte mir überhaupt keine Sorgen.

Episode XXX

Schlussbemerkung

1978 beendete ich mein Studium. Die Arbeitssuche in Deutschland gestaltete sich schwierig, denn mit meiner Geschichte war es nicht zu verwunderlich, auch im Westen von manchem für einen Spion gehalten zu werden. Viel verwunderlicher war für mich aber, all die Jahre in der ČSSR niemanden getroffen zu haben, der anscheinend meinte, ich wäre wohl ein Kommunist.

Unter dem Eindruck, in der BRD keine mich wirklich zufriedenstellende Arbeit zu finden, entschied mich für einen Brotjob als Assistent des Verkaufsleiters eines japanischen Unternehmens, in dem man sich nicht daran störte, dass ich mit einer in Prag lebenden Tschechin verheiratet war. Leicht verzweifelt tat ich dieses trotz der Tatsache, dass ich Jahre zuvor Vertriebsleiter Süd in einer Mineralölfirma gewesen war, trotz meines zusätzlichen Studiums der Volkswirtschaftslehre.

Diese zu Beginn bedrückende Entscheidung stellte sich später durch damals nicht vorhersehbare und oft überraschende Umstände als ein wohles Glück bringende heraus.

Im November 1990 flog ich dann zum ersten Mal ohne ein Visum zu benötigen von Hamburg nach Prag. Damals zeigte sich ein weiterer nicht wirklich beglückender Wandel ab.

Es ist eine natürlich völlig oberflächliche, rein plakative Vereinfachung, aber in Form einer boulevardesken Zusammenfassung hätte es heißen können:

Aus den Land der tschechoslowakischen sozialistischen Systemverbesserer, die die Kreativität und Schöpferkraft der Menschen weckten und vor deren Ideen sich östliche und westliche Machthaber fürchteten, wurde nach dem Land der Normalisierer, die die Menschen ins Private drängten, ein Land der Privatisierungsgewinner.

Aber es ist ja bekannt, nur wenige politische Änderungen bringen nicht nur einigen Privilegierten, sondern auch der Mehrheit der "einfachen" Menschen nicht nur Glück verheißende, sondern wirkliche Verbesserungen.

0
Vytisknout
2687

Diskuse

Obsah vydání | 8. 11. 2021