Der Teufelskreis der Armut – schwache Institutionen und starke Oligarchen

20. 1. 2026 / Arnošt Kult

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Dieser sehr kurze Beitrag baut auf einer früheren Reflexion auf."Wenn das Volk den Mut verliert, verlieren die Mächtigen ihr Gewissen" (Britské listy, 6.1.2026). Der Autor dieses Artikels wurde auch stark von den jüngsten dramatischen Ereignissen in Venezuela beeinflusst.

Übersetzt aus dem Tschechischen von Uwe Ladwig.

 

Armut ist kein biologisches Schicksal oder eine "rassische" Voraussetzung. Es ist eine Folge des Zustands der Institutionen – ihrer Stärke, Legitimität und Fähigkeit, Bürger vor der Willkür der Mächtigen zu schützen. Da, wo Institutionen nicht funktionieren, wo Korruption zur Norm wird und Bildung zum Luxus, entsteht ein Umfeld, in dem Reichtum sich in den Händen einer schmalen Schicht von Oligarchen konzentriert. Sobald diese Schicht sich mit politischer Macht verbindet, entsteht ein extraktives Regime – ein System, das Ressourcen von vielen zu den wenigen "Auserwählten" absaugt.

Extraktive Institutionen als Wurzel der Armut

Das Buch Why Nations Fail zeigt den Unterschied zwischen inklusiven Institutionen, die eine breite Bürgerbeteiligung ermöglichen, und extraktiven Institutionen, die Macht und Reichtum konzentrieren. Viele Entwicklungsländer übernahmen extraktive Strukturen aus der Kolonialzeit – und die inländischen Eliten übernahmen sie nur nach dem Abzug der Kolonisatoren. Das Ergebnis ist ein Teufelskreis: schwache Institutionen, Korruption, Konzentration von Reichtum und letztlich noch schwächere Institutionen.

In einem solchen Umfeld ist Bildung gefährlich, weil ein gebildeter Bürger Fragen stellt. Daher kann das neoliberale Dogma "dem Staat so wenig wie möglich" in diesen Ländern enormen Schaden anrichten – wo der Staat nicht funktioniert, gibt es nichts zu ändern.

Die Oligarchie ist nicht die einzige Bedrohung: Aristoteles warnt auch vor Tyrannei

Aristoteles unterschied zwischen zwei perversen Regierungsformen: Oligarchie und Tyrannei. Die Oligarchie korrumpiert Institutionen, Tyrannei zerstört sie. Die moderne Tyrannei – ein diktatorisches Regime – unterdrückt Medien, Gerichte, die Opposition und die Zivilgesellschaft. Jüngste Beispiele, wie die Entwicklung in Venezuela, zeigt, dass Tyrannei nicht der Vergangenheit angehört. Oligarchie und Tyrannei haben eine gemeinsame Wurzel: schwache Institutionen und resignierte Bürger.

Gleichgültigkeit gegenüber Korruption ist ein kulturelles Gift

Korruption ist nicht nur ein wirtschaftliches Problem. Es ist ein Signal, dass "die Regeln keine Rolle spielen". Aristoteles würde sagen, dass da, wo Bürger resignieren, idiótai entstehen –, ins Private verschlossen Menschen, ohne Interesse an dem, was in der Polis (Gemeinschaft) geschieht. Und wo Bürger resignieren, verlieren die Mächtigen ihr Gewissen.

Kann das auch in der Tschechischen Republik passieren?

Die Tschechische Republik ist kein Entwicklungsland, aber auch nicht immun. Die Erosion der Institutionen beginnt unauffällig: wenn Bürger sich damit abfinden, dass "überallh gestohlen wird“, wenn die öffentliche Debatte in Marketing umschlägt, wenn oligarchische Strukturen sich mit Politik und Medien verknüpfen, wenn Zynismus zum Nationalsport wird.

Extraktive Institutionen entstehen, in denen Menschen aufhören zu glauben, dass sie die Macht haben, Dinge zu verändern. Und hier gilt das Motto: "Wenn das Volk den Mut verliert, verlieren die Mächtigen ihr Gewissen."

Schlussfolgerung

Armut ist kein Schicksal, sondern die Folge des Zusammenbruchs von Institutionen. Institutionen sind nicht abstrakt – es sind Menschen, ihr Mut und ihre Bereitschaft, Bürger zu sein, nicht bloß Privatpersonen. Der Zusammenbruch der Institutionen ebnet nicht nur den Weg zur Oligarchie, sondern auch zur Tyrannei. Die Zukunft ist nicht gegeben. Es gibt eine einfache Regel: "Wo Bürger schweigen, spricht Geld. Wo Bürger handeln, entsteht eine gerechte und wohlhabende Polis."

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Obsah vydání | 20. 1. 2026